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vom 02.07.2018

„Das ist keine Verarmung“

Von „Buen Vivir“ und „ökologischem Ablasshandel“: Alberto Acosta und Niko Paech in Hitzacker

Kommentar hierzu.

von Christiane Beyer

Hitzacker. Das Verdo ist vollbesetzt, einige Leute stehen, und Hermann Klepper sitzt in einer der vorderen Reihen. Ja, jetzt sei er entspannt, vor einer Woche war er noch sehr aufgeregt, ob auch alles klappt. Gleich wird auf der Bühne die Grupo Sal Musik aus Lateinamerika spielen, werden die beiden Ökonomen Alberto Acosta und Niko Paech reden – über das Thema, das für Klepper, den früheren Lehrer und jetzigen Kreispolitiker aus Banzau, seit vielen Jahren eine Herzensangelegenheit, ja gar Lebensinhalt ist. Nämlich so zu leben, dass es der Welt keinen Schaden zufügt. Klepper wirbt und lebt für ein „Weniger ist mehr“, für ein gutes Leben aller Menschen überall, ist Begründer der Initiative WachstumsWende Wendland. Acosta hat er vor acht Jahren in München das erste Mal gehört, „ein für mich faszinierender Mensch“.

Bild: Alberto Acosta (ab Zweiter von links), Fernando von der Grupo Sal und Niko Paech zwischen ihren wendländischen Gastgebern: Hermann Klepper von der WachstumsWende Wendland, Albert Doninger von der Arbeitsgemeinschaft Natur und Umwelt (ANU) sowie Elisabeth Haffner-Reckers von der Bürgerinitiative Umwetschutz. Aufn.: Ch. Beyer

Dass der ecuadorianische Politiker jetzt hier in Hitzacker ist und der Saal voll mit einem bürgerlichen wie alternativen Publikum, macht Klepper einfach nur glücklich. Und dann geht es los.

Grupo Sal singt ein Lied für den Regenwald, „Die Axt“ heißt es, und der Refrain darin lautet: „Der Wald geht dem Menschen voraus. Dem aber folgt die Wüste“. Später beschreibt Sänger Fernando die indigenen Völker Lateinamerikas als „Frontline Defender“, die sich dagegen wehren, dass der Regenwald der Erdölförderung weichen soll: „Sie retten das Klima für alle von uns“. Dann steht Acosta auf der Bühne, bald 70 Jahre alt, ruhig, ein bisschen Staatsmann. Er hat in Ecuador dazu beigetragen, dass das Ziel des „Buen Vivir“ als Verfassungsgrundsatz festgeschrieben wurde.

„Buen Vivir“ – das gute Leben – ist zentrales Prinzip der Völker des Andenraumes und meint das Zusammenleben in Vielfalt und Harmonie mit der Natur, mit den anderen Menschen, ein nachhaltiges und würdiges Leben für alle. „Nicht rückwärtsgewandt, sondern mit der Möglichkeit, eine neue Zukunft für uns alle zu gestalten“, sagt Acosta. „Buen vivir“ bedeute nicht, so weiter zu konsumieren wie bisher – Konsum mache ja auch keineswegs glücklich – , die Natur zu schädigen und sich auf endloses Wirtschaftswachstum zu fixieren, sondern für mehr Gemeinschaftssinn und Solidarität unter den Menschen zu sorgen. Die Natur müsse „entmarktet“, die Wirtschaft relokalisiert werden.

Für Acosta ist klar: Ohne ökologische Gerechtigkeit kann es keine ökonomische und auch keine soziale Gerechtigkeit geben. Und: „Die Zukunft müssen wir selbst schreiben, in dem wir Ja zum Leben sagen. Das alles geht leichter, wenn wir uns miteinander mehr vernetzen“ – lokal wie global.

Im Gegensatz zu Acostas eher philosophischen Ausführungen wird Niko Paech, derzeit an der Uni Siegen tätig, sehr viel konkreter, hält dem Publikum seinen Alltag vor Augen. „Die Menschen in den reichen Ländern leben weit oberhalb jedes Maßes“, sagt er. Die ökologische Belastung müsse um vier Fünftel reduziert werden. Kurzgefasst etwa so: Industriekomplex halbieren, Vollbeschäftigung bei 20 Stunden pro Woche für jeden. Das bedeutet weniger Geld, aber auch mehr Freizeit.

 Also Zeit, um das verringerte Geldeinkommen durch eigene Produktion zu ergänzen, sei es im Garten oder in der Reparaturwerkstatt. Auch Paech setzt auf mehr Gemeinschaft: „Warum sollen sich fünf Leute nicht einen Rasenmäher teilen? Sie sparen dann Platz und Geld.“ Für ihn ist ein solches Runterfahren „keine Verarmung oder Mittelalter“, sondern verschaffe den Menschen mehr Freiheit und mehr Glück.

Das steht im Gegensatz zu heute, wo das Unglück unter den Menschen so auf dem Vormarsch wie nie zuvor sei, sagt Paech. Gerade wer von höherem Konsum abhängig ist, hat die größte Angst. Schon allein deshalb sei es klüger, sich zu beschränken. Paech rät zu kleinen Schritten auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie: Mehr Rad- statt Autofahren, ohne Facebook leben, nicht immer das neueste digitale Endgerät kauften, auf Konsum-Entzugskurs gehen, wieder sesshafter werden und sich mit den richtigen Leuten umgeben: „Seit ich Alberto kenne, bin ich stärker“. Deshalb sei es auch arrogant zu meinen, „wir hätten den Kampf schon verloren. An diese Nichtfrustation glaube ich.“

Warum alle wissen, was los ist, aber dennoch nicht danach handeln? Diese Frage wollte Hermann Klepper zum Schluss beantwortet haben. Das habe, so Paech, auch was mit unserer Technikgläubigkeit zu tun, unserer „Ersatzreligion“. Das wiederum führe zu einer falschen Sicht auf die notwendige nachhaltige Entwicklung und einem „ökologischen Ablasshandel“: „Wir bauen dreifachverglaste Fenster ein, haben Ökostrom – und fliegen dann in die Karibik oder fahren einen SUV.“ Alberto Acosta setzt auf mehr Information: „Wir wissen vieles, aber haben die Zusammenhänge noch nicht verstanden.“

 

Kommentar

Ein voller Saal bei der „Buen Vivir“-Veranstaltung am Freitag im Verdo in Hitzacker: Damit gingen die kühnsten Träume der Veranstalter in Erfüllung.

Und es erstaunte die Gäste, für die Hitzacker die neunte Station auf ihrer Tournee durch deutschsprachige Länder mit Musik und Informationen war.

Woanders waren die Säle offensichtlich kleiner gewesen. Alberto Acosta und die Grupo Sal ahnten, dass „der jahrelange Kampf hier in der Gegend“ offensichtlich den Boden für ein nachhaltiges Leben bereitet hatte. Das Team der Initiative WachstumsWende hatte zudem eine Art Nachhaltigkeitsmesse im Foyer organisiert.

Dort präsentierten sich unter anderem einige SoLaWis, die Reparaturcafés, es ging ums Upcycling gebrauchter Kleidung, das unverpackte Einkaufen oder auch Mitfahrbänke. Spannend fand ich es, in der Pause ein bisschen zu lauschen, wie sich Menschen gegenseitig erzählten, was sie im Sinne eines besseren Lebens nicht mehr tun oder jetzt anders tun. Es tut sich was.

Ihre Christiane Beyer


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